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Anlageninterne Notfallmaßnahmen

Kurz erklärt:

(Auslegungs-) Störfälle …

… sind mögliche technische Störungen und Ereignisse, die nach dem zum Zeitpunkt der Genehmigungserteilung einer kerntechnischen Anlage aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik untersucht und bewertet wurden. Sie können eine Gefährdung für Mensch und Umwelt darstellen. Gegen diese bei der Genehmigungserteilung betrachteten Ereignisse (Auslegungsstörfälle) müssen zuverlässig wirksame Vorsorgemaßnahmen getroffen werden, so dass vorgegebene Grenzwerte der Strahlenbelastung eingehalten werden können.

Auslegungsüberschreitende Ereignisse …

… sind Unfälle in Kernkraftwerken, jenseits der bei der Genehmigungserteilung betrachteten mögliche technische Störungen und Ereignisse (Auslegungsstörfälle). Auslegungsüberschreitende Ereignisse können den Einsatz von Notfallmaßnahmen notwendig machen.

Für hypothetische Ereignisse, die zum Zeitpunkt der Genehmigungserteilung nicht als Störfall vorausbetrachtet wurden und gegen die eine kerntechnische Anlage nicht auszulegen ist, sind in den deutschen Kernkraftwerken anlageninterne Notfallmaßnahmen vorgesehen.

Der anlageninterne Notfallschutz umfasst alle technischen und organisatorischen Maßnahmen, die innerhalb einer kerntechnischen Anlage (z.B. einem Kernkraftwerk) getroffen werden, um eine Freisetzung radioaktiver Stoffe zu verhindern oder möglichst zu minimieren.

Verantwortlich ist der Betreiber der kerntechnischen Anlage

Der anlageninterne Notfallschutz ist im Atomgesetz vorgeschrieben und liegt im Verantwortungsbereich des Betreibers der kerntechnischen Anlage. Er bezieht sich auf die Anlage selbst. Damit grenzt er sich vom anlagenexternen Notfallschutz ab, der alle Maßnahmen außerhalb einer kerntechnischen Anlage umfasst und von den Katastrophenschutzbehörden der Länder wahrgenommen wird.

Maßnahmen des anlageninternen Notfallschutzes

Zum anlageninternen Notfallschutz zählen alle Maßnahmen, um auslegungsüberschreitende Ereignisabläufe möglichst frühzeitig und sicher zu erkennen, zu kontrollieren und mit möglichst geringen Schäden zu beenden.

Man unterscheidet zwischen

  • schadensvorbeugenden (präventiven) Maßnahmen und
  • schadensmindernden (mitigativen) Maßnahmen.

Vorbeugen

Schadensvorbeugende Maßnahmen

Zunächst kommen die präventiven Maßnahmen zur Verhinderung schwerer Brennelementschäden zum Einsatz. Hauptziel ist die Erhaltung oder Wiederherstellung der Brennelementkühlung und die Überführung der Anlage in einen sicheren Zustand.

Beispiel

Ein Beispiel für eine schadensvorbeugende Maßnahme ist das Maßnahmenkonzept aus sekundär- und primärseitiger Druckentlastung sowie Einspeisung bei Druckwasserreaktoren. Dabei wird zunächst auf der Sekundärseite (d.h. im Sekundärkreislauf) durch Öffnen von Ventilen ein Druckabbau bewirkt wird, um dann Speisewasser z.B. mit mobilen Pumpen nachführen zu können. Sollte dies nicht gelingen, werden nachfolgend entsprechende Maßnahmen zur Druckentlastung und Einspeisung von Kühlmittel im Primärkreis durchgeführt.

Mindern

Schadensmindernde Maßnahmen

Sollten die präventiven Maßnahmen versagen und Brennelementschäden auftreten, kommen schadensmindernde Maßnahmen zur Begrenzung bzw. Milderung schwerer radiologischer Auswirkungen in der Anlage und deren Umgebung zum Zuge. Hauptziel ist hier

  • die Erhaltung der Integrität der noch vorhandenen aktivitätseinschließenden Barrieren, z. B. des intakten Reaktorsicherheitsbehälters, der im Falle eines Unfalls die aus beschädigten Brennelementen freigesetzten gasförmigen radioaktiven Stoffe zurückhalten soll und
  • die Absicherung eines langfristig kontrollierten Zustands der Anlage zum Schutz der Umgebung.

Beispiel

Eine schadensmindernde Maßnahme ist z.B. die gefilterte Druckentlastung des Reaktorsicherheits-behälters. Um ein Versagen des Sicherheitsbehälters durch zu hohen Druck zu verhindern, werden die Gase über ein Ventil an die Umgebung abgegeben. Dabei werden die radioaktiven Stoffe durch ein Filtersystem weitgehend reduziert.

Handbücher zu Notfallmaßnahmen

Jedes Kernkraftwerk in Deutschland hat ein Notfallhandbuch. In diesem sind die jeweils erforderlichen organisatorischen Regelungen sowie die schadenvorbeugenden und schadensmindernden Maßnahmen beschrieben, um ein situationsgerechtes Handeln des Personals zu ermöglichen.

Es enthält neben Organisations-, Aufgaben- und Tätigkeitsbeschreibungen auch Anweisungen, Unterlagen und Hilfsmittel, die zur Bewältigung eines auslegungsüberschreitenden Ereignisses erforderlich sind. Dabei handelt es sich um vorgeplante Maßnahmen. Das aktuell gültige Notfallhandbuch muss dem Betriebspersonal in der Warte des Kernkraftwerks jederzeit leicht zugänglich sein. Zusätzlich ist in der Notsteuerstelle und den Einsatzorten des anlageninternen Notfallstabs mindestens je ein Exemplar vorzuhalten.

Ergänzend zum Notfallhandbuch gibt es ein Handbuch mitigativer Notfallmaßnahmen. Dies ist ein anlagenspezifischer Leitfaden, der die anlageninterne Notfallorganisation bei der Ergreifung von Maßnahmen zur Schadensbegrenzung bei Unfällen unterstützt. Das Handbuch mitigativer Notfallmaßnahmen dient dem anlageninternen Notfallstab bei Ereignisabläufen oder Anlagenzuständen, für die keine Notfallmaßnahmen vorgeplant wurden oder die implementierten Notfallmaßnahmen nicht wirksam sind. Hierin sind vor allem Strategien beschrieben, die die Freisetzung radioaktiver Stoffe begrenzen.

Entwicklung und rechtliche Einordnung des anlageninternen Notfallschutz

Der anlageninterne Notfallschutz ist fester Bestandteil des gestaffelten Sicherheitskonzeptes für Kernkraftwerke in Deutschland und im Atomgesetz vorgeschrieben.

Die Implementierung begann bereits in den 1980er Jahren auf Basis von Empfehlungen der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) und erfolgte im Rahmen der Betreiberverantwortung im Wesentlichen im Laufe der 1990er und 2000er Jahre.

Nach dem Reaktorunfall 2011 in Fukushima wurden insbesondere aufgrund einer von der RSK durchgeführten Robustheitsanalyse der deutschen Kernkraftwerke sowie Empfehlungen aus dem EU-Stresstest noch einmal weitere anlageninterne Notfallmaßnahmen umgesetzt, beispielsweise die Vorhaltung von mobilen Dieselaggregaten für eine zusätzliche Stromversorgung.

Seit der Veröffentlichung der “Sicherheitsanforderungen für Kernkraftwerke“ im November 2012 ist der anlageninterne Notfallschutz verbindlicher Bestandteil im kerntechnischen Regelwerk. Darüber hinaus ist er seit Juni 2017 im Atomgesetz verankert.

Stand: 10.07.2018

© Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit